Stol­per­stei­ne rund um das Nürn­ber­ger Ei

Im Gebiet um das Nürn­ber­ger Ei fin­den sich zahl­rei­che »Stol­per­stei­ne« – Gedenk­stei­ne für jüdi­sche Bewoh­ner des Vier­tels, wel­che in der Zeit des Drit­ten Rei­ches ermor­det wur­den. Die­se Über­sicht soll beim Fin­den der Stol­per­stei­ne hel­fen und erin­nern.

Richard und Ber­tha Stein­hart (Bern­hard­stra­ße 39)

Richard Stein­hart wur­de am 26. Mai 1873 in Mer­se­burg gebo­ren. Sei­ne Frau Ber­tha, gebo­re­ne Auer­bach, kam am 1. Sep­tem­ber 1875 im ehe­ma­li­gen deut­schen Land­kreis Tach­au zur Welt. Richard Stein­hart war Kauf­mann und erfolg­rei­cher Inha­ber des Kauf­hau­ses Stein­hart auf der Kes­sels­dor­fer Stra­ße 17 in Löb­tau, das bis 1933 fol­gen­der­ma­ßen warb: »Die leis­tungs­fä­hi­ge Ein­kaufs­stät­te für Haus- und Küchen­ge­rä­te, Leder­wa­ren, Geschenk­ar­ti­kel, Spiel­wa­ren, Lin­ole­um, Her­ren­ar­ti­kel, Strümp­fe, Hand­ar­bei­ten und Tri­ko­ta­gen«. Das Paar hat­te drei Kin­der: Kurt, Wer­ner und Emi­lie. Das Kauf­haus wur­de nach der Pen­sio­nie­rung des Vaters von den Söh­nen Kurt und Wer­ner über­nom­men.

1933 wur­de die Fami­lie gezwun­gen, das Kauf­haus zu einem sehr nied­ri­gen Preis zu ver­kau­fen. Emi­lie Stein­hart konn­te mit ihren bei­den Kin­dern über Eng­land in die USA flie­hen. Wer­ner Stein­hert und sei­ne frisch ver­hei­ra­te­te Frau Mar­ga Gold­blum konn­ten 1938 nach Hol­land flie­hen und gelang­ten von dort aus 1939 in die USA. Sie waren am 5. Novem­ber 1939 das letz­te Paar, das in der Dresd­ner Syn­ago­ge getraut wur­de, bevor die­se nur weni­ge Tage dar­auf zer­stört wur­de. In den USA kamen die Söh­ne Ronald und Richard Stein­hart zur Welt. Die Eltern Richard und Ber­tha Stein­hart hat­ten bereits ein Visum für Pana­ma und ent­schie­den sich in letz­ter Instanz aber für ein Jüdi­sches Alten­heim in Ber­lin. Von dort aus wur­den bei­de nach The­re­si­en­stadt depor­tiert, wo Richard Stein­hart am 15. Juli 1943 im Alter von 68 Jah­ren ermor­det wur­de. Ber­tha Stein­hart wur­de am 18. Mai 1944 nach Ausch­witz-Bir­ken­au wei­ter­de­por­tiert und dort ermor­det.

Im Doku­men­tar­film von Mark Birn­baum The Harp­t­ree (2006) ist das Schick­sal der Fami­lie sowie die Rei­se der Söh­ne Ronald und Richard an die Lebens- und Wir­kungs­or­te in Dres­den der Fami­lie on Dres­den doku­men­tiert. Für wei­te­re Opfer der Fami­lie Stein­hart sind zum Teil bereits Stol­per­stei­ne ver­legt wor­den bzw. wird dies in Pla­nung. Wei­te­re Opfer der Fami­lie sind die Cou­sins und Cou­si­nen ers­ten Gra­des: Max und Ber­ta Stein­hart, Rosa und Wal­ter Stein­hart, Oskar und Ber­ta Stein­hart, Ida Stein­hart, ver­hei­ra­te­te Frän­kel und Joseph Frän­kel sowie die Kin­der die­ser Fami­li­en: Edith, Erik, Her­bert und Alfred Stein­hart. Bis zur Gegen­wart erfolg­te kei­ne Resti­tu­ti­on der Ver­mö­gens­wer­te von Fami­lie Stein­hart, wie u.a. des mitt­ler­wei­le sanier­ten ehe­ma­li­gen Wohn­hau­ses auf der Bern­hard­stra­ße 39.

Die Stol­per­stei­ne im Geden­ken an Fami­lie Stein­hart wur­den im Juni 2011 (Son­ja Stein­hart) sowie im Sep­tem­ber 2013 ver­legt.

Quel­len:

  • Adreß­buch­ver­lag der Dr. Günt­z­schen Stif­tung (1933): Adreß­buch für Dres­den und Vor­or­te. [Digi­ta­li­sier­te Online-Res­sour­ce: www.sachsendigital.de]
  • Arbeits­kreis Gedenk­buch der Gesell­schaft für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit Dres­den e.V. (2006): Buch der Erin­ne­rung. Juden in Dres­den: Depor­tiert, ermor­det, ver­schol­len. 1933 – 1945. The­lem Uni­ver­si­täts­ver­lag Dres­den, S. 355f.
  • Birn­baum, Mark (2006): The Harp Tree [Doku­men­tar­film, 35 Min.]
  • Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs für die Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Juden­ver­fol­gung in Deutsch­land (1933−1945), www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/ [28.07.2014]
  • Kaplan, Richard (1989): The exi­les [Doku­men­tar­film, 116 Min.]
  • Shee­ler, Jim: »From Nazi ter­ror to a place of hope in the 1940s, Clai­re Ehr­mann fled over the Pyrenees to a life focu­sed on soci­al jus­ti­ce“, in: Rocky Moun­tain News vom 26. Janu­ar 2008.

Arthur Anton Zinn (Chem­nit­zer Stra­ße 119)

Arthur Anton Zinn wur­de am 29. Novem­ber 1899 als ers­tes von sechs Kin­dern in Dres­den gebo­ren (Geschwis­ter: Alex­an­der, Edel­traud, Her­bert-Hel­mut, Hans, Leo­pold). Er war der Sohn des Gra­veurs Arthur Zinn (1878−1967) und des­sen Frau Rosa Zinn (1879−1919), gebo­re­ne Wopat. Die Fami­lie leb­te zunächst auf der Chem­nit­zer Stra­ße 113 und zog spä­ter auf der Chem­nit­zer Stra­ße 119. Als sei­ne Frau 1919 im Alter von nur 40 Jah­ren ver­starb, sorg­te Herr Arthur Zinn allein für sei­ne sechs Kin­der. Arthur Zinn kam bereits geis­tig behin­dert zur Welt und besuch­te aus die­sem Grund kei­ne Schu­le. Zwi­schen dem 24. August 1908 und dem 8. März 1909 hielt er sich in der Lan­des­an­stalt Chem­nitz-Alten­dorf auf. Im Anschluss dar­an leb­te er wie­der bei sei­ner Fami­lie in Dres­den. Zwi­schen 1911 und 1916 war er Pati­ent der Städ­ti­schen Heil- und Pfle­ge­an­stalt, dem spä­te­ren Stadt­kran­ken­haus Löb­tau. Im Anschluss leb­te er ohne Unter­bre­chung 24 Jah­re lang bis zum Juli 1940 in der Psych­ia­tri­schen Lan­des­an­stalt Arns­dorf, wo er von sei­ner Fami­lie regel­mä­ßig besucht wur­de. Am Mor­gen des 31. Juli 1940 wur­de ein Teil der Pati­en­ten »kriegs­be­dingt“ ver­legt und unmit­tel­bar nach Ankunft in der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Lan­des­an­stalt Pir­na-Son­nen­stein in der Gas­kam­mer ermor­det. Am sel­ben Tag wur­de auch die Künst­le­rin Elfrie­de Loh­se-Wächt­ler ver­legt und ermor­det. Arthur Zinn wur­de 41 Jah­re alt. Der Pro­zess gegen die Ver­ant­wort­li­chen der säch­si­schen Eutha­na­sie-Ver­bre­chen fand 1947 im dama­li­gen Dresd­ner Land­ge­richt am Münch­ner Platz statt.

Sei­ne Groß­nich­ten Sig­rid Har­ley und Moni­ka Mül­ler lie­ßen die­sen Stol­per­stein in Geden­ken an ihren Groß­on­kel Arthur Zinn im Sep­tem­ber 2013 ver­le­gen.

Quel­len:

  • Anga­ben der Fami­lie (Zugriff auf Pati­en­ten­ak­te der Lan­des­an­stalt Pir­na-Son­nen­schein)

Josef und Sel­ma Rabi­no­witsch (Lie­big­stra­ße 23)

Josef Rabi­no­witsch wur­de am 19. Okto­ber 1864 in Hain­dan in Litau­en gebo­ren. Sei­ne Frau Sel­ma, gebo­re­ne Jaco­by, kam am 13. Febru­ar 1872 in Schwetz an der Weich­sel zur Welt, dem heu­ti­gen Swie­cie in Polen (ca. 100 km süd­lich von Dan­zig). Sel­ma war die Toch­ter von Isi­dor und Toni Jaco­by. Sie hat­ten einen Sohn, Mar­tin Her­bert. Er wur­de am 25. Mai 1895 in Dres­den gebo­ren. Josef Rabi­no­witsch war Kauf­mann und das Ehe­paar wohn­te in der Lie­big­stra­ße 23.

Die Fami­lie muss­te in das »Juden­haus« auf der Schwei­zer Stra­ße 2 in der Dresd­ner Süd­vor­stadt zie­hen. Das Ehe­paar Rabi­no­witsch schloss einen »Heim­ein­kaufs­ver­trag« für The­re­si­en­stadt ab. In The­re­si­en­stadt wur­de nach der Wann­see­kon­fe­renz ein soge­nann­tes Alters­ghet­to ange­legt. Die älte­re jüdi­sche Bevöl­ke­rung, die ab 1942 dort leben soll­te, wur­de eine lebens­lan­ge kos­ten­freie Unter­brin­gung, Ver­pfle­gung sowie eine Kran­ken­ver­sor­gung zuge­si­chert. Neben einer errech­ne­ten Vor­aus­zah­lung wur­den wei­te­re Abga­ben, Spen­den und Ver­mö­gens­über­tra­gun­gen gefor­dert. Tat­säch­lich fan­den die Depor­tier­ten in The­re­si­en­stadt über­füll­te und kaum beheiz­te Wohn­stät­ten vor, man­gel­haf­te Ernäh­rung und unzu­rei­chen­de ärzt­li­che Ver­sor­gung. Die Ver­mö­gens­wer­te fie­len spä­ter dem Reichs­si­cher­heits­haupt­amt (RSHA) zu.

Mit dem Trans­port V/​7 vom 22. Sep­tem­ber 1942 wur­den Josef und Sel­ma Rabi­no­witsch nach The­re­si­en­stadt depor­tiert. Josef war zu die­sem Zeit­punkt bereits 78 Jah­re alt, Sel­ma 70. Josef Rabi­no­witsch ist am 1. Okto­ber 1942, kurz vor sei­nem 79. Geburts­tag, im Ghet­to The­re­si­en­stadt umge­kom­men, sei­ne Frau Sel­ma kurz dar­auf am 6. Okto­ber 1942.

Die Stol­per­stei­ne für Fami­lie Rabi­no­witsch wur­den im Sep­tem­ber 2013 ver­legt.

Quel­len:

  • Arbeits­kreis Gedenk­buch der Gesell­schaft für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit Dres­den e.V. (2006): Buch der Erin­ne­rung. Juden in Dres­den: Depor­tiert, ermor­det, ver­schol­len. 1933 – 1945. The­lem Uni­ver­si­täts­ver­lag Dres­den, S. 289f.
  • Das Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs für die Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Juden­ver­fol­gung in Deutsch­land (1933−1945): http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/ [22.11.2013]
  • Yad Vashem: The Cen­tral Data­ba­se of Sho­ah Vic­tims‹ Names: http://db.yadvashem.org/names [22.11.2013]

Her­bert, Her­tha Ruth und Ste­fan Rabi­no­witsch (Lie­big­stra­ße 23)

Mar­tin Her­bert Rabi­no­witsch, gebo­ren am 25. Mai 1895 in Dres­den (oder 1896 sowie 25. Juni 1895), war der Sohn von Josef und Sel­ma Rabi­no­witsch, geb. Jaco­by. Sei­ne Ehe­frau Her­ta Ruth, geb. Kann, kam am 30. Juni 1904 in Ber­lin oder Dres­den zur Welt. Ihre Eltern waren Juli­us und Hele­ne Kann. Ihr Sohn Ste­fan wur­de am 30. März 1936 in Dres­den gebo­ren. Sie wohn­ten zuletzt in der Häh­nel­stra­ße 3. Im Ver­zeich­nis jüdi­scher gewerb­li­cher Betrie­be wird 1938 ein Tex­til­wa­ren­han­del auf der Lie­big­stra­ße 23 im Erd­ge­schoss genannt. Ver­mut­lich hat­te er das Geschäft vom Vater über­nom­men.

Ende 1941 wur­de Mar­tin Her­bert Rabi­no­witsch in Dres­den ver­haf­tet und im Alter von 46 Jah­ren nach Buchen­wald oder in ein ande­res Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger depor­tiert, wo er umkam. Sei­ne Frau Her­ta Ruth besuch­te zehn Jah­re das Lyze­um und arbei­te­te spä­ter als kauf­män­ni­sche Kor­re­spon­den­tin.

Gemein­sam mit ihrem Sohn Ste­fan wur­de sie am 20./21. Janu­ar 1942 nach Riga depor­tiert. Sie war zu die­sem Zeit­punkt 38, ihr Sohn war 5 Jah­re alt. Im Novem­ber 1943 wur­de das Ghet­to Riga auf­ge­löst. Her­ta Ruth Rabi­no­witsch wur­de gemein­sam mit ihrem Sohn ermor­det.

Die Stol­per­stei­ne für Fami­lie Rabi­no­witsch wur­den im Sep­tem­ber 2013 ver­legt.

Quel­len:

  • Arbeits­kreis Gedenk­buch der Gesell­schaft für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit Dres­den e.V. (2006): Buch der Erin­ne­rung. Juden in Dres­den: Depor­tiert, ermor­det, ver­schol­len. 1933 – 1945. The­lem Uni­ver­si­täts­ver­lag Dres­den, S. 289f.
  • Das Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs für die Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Juden­ver­fol­gung in Deutsch­land (1933−1945): http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/ [22.11.2013]
  • Yad Vashem: The Cen­tral Data­ba­se of Sho­ah Vic­tims‹ Names: http://db.yadvashem.org/names [22.11.2013]

Chaim Lewin (Regens­bur­ger Stra­ße 3)

Chaim Lewin wur­de am 25. Novem­ber 1866 im rus­si­schen Aschmja­ny, im heu­ti­gen Bela­rus gebo­ren.

Ver­mut­lich kam er Anfang der 1930er Jah­re nach Dres­den, denn in den Dresd­ner Adress­bü­chern ist er erst­mals 1933 geführt. Unter der Joch­höh­stra­ße 2b, heu­te Alfred-Thie­le-Stra­ße im Stadt­teil Dölz­schen ver­mu­tet man sei­ne Geschäfts­adres­se. Herr Lewin war als Kauf­mann in der Tabak­bran­che tätig und han­del­te mit der Tür­kei und den Län­dern Süd­ost­eu­ro­pas. In ers­ter Ehe war er mit Bei­la Gert­ner ver­hei­ra­tet, die 1923 ver­starb. Spä­ter hei­ra­te­te er Anna Bar­wich. Er hat­te zwei Töch­ter, Hen­ni und Sophie, sowie die Söh­ne Joseph und Jakob.

Vor sei­ner Depor­ta­ti­on leb­te er in einem der soge­nann­ten Juden­häu­ser auf der Pir­n­ai­schen Stra­ße 23. Im Alter von 75 Jah­ren wur­de er mit dem Trans­port V/​6 in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger The­re­si­en­stadt depor­tiert. Dort kam Chaim Lewin am 25. Novem­ber 1942 zu sei­nem 76. Geburts­tag ums Leben.

Für Chaim Lewins Sohn Joseph, sei­ne Toch­ter Sophie Noack sowie sei­ne Enke­lin Hen­ni Noack lie­gen Stol­per­stei­ne in Ber­lin, wo sie zuletzt vor ihrer Depor­ta­ti­on nach Aus­schwitz leb­ten. Über die Kin­der Jakob und Hen­ni ist nichts bekannt.

Chaim Lewins Enkel­sohn spen­de­te 2009 den Stol­per­stein für sei­nen Groß­va­ter. Er selbst ent­kam der Depor­ta­ti­on mit einem Kin­der­trans­port nach Eng­land.

Quel­len:

  • Adreß­buch­ver­lag der Dr. Günt­z­schen Stif­tung (1933 und 1934): Adreß­buch für Dres­den und Vor­or­te. [Digi­ta­li­sier­te Online-Res­sour­ce: www.sachsendigital.de]
  • Arbeits­kreis Gedenk­buch der Gesell­schaft für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit Dres­den e.V. (2006): Buch der Erin­ne­rung. Juden in Dres­den: Depor­tiert, ermor­det, ver­schol­len. 1933 – 1945. The­lem Uni­ver­si­täts­ver­lag Dres­den, S. 221.
  • Das Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs für die Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Juden­ver­fol­gung in Deutsch­land (1933−1945): www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/
  • Schrift­wech­sel mit der Fami­lie

Elfrie­de Maria Scholz (Berg­stra­ße 42)

am 25. März 1903 als Elfrie­de Maria Remark in Osna­brück gebo­ren
am 16. Dezem­ber 1943 in Ber­lin-Plöt­zen­see hin­ge­rich­tet

Elfrie­de Scholz wur­de als fünf­tes und jüngs­tes Kind eines Buch­bin­ders gebo­ren, sie ging in Osna­brück zur Schu­le. Auf­grund gesund­heit­li­cher Pro­ble­me erlern­te sie zuerst kei­nen Beruf und wech­sel­te ab Herbst 1917 mehr­fach Wohn­ort und Arbeit. So war sie im Dezem­ber 1917 als Dienst­mäd­chen in Duis­burg tätig, wo ihr Bru­der Erich Paul Remark – der Autor des 192829 ver­öf­fent­lich­ten Anti­kriegs­ro­mans »Im Wes­ten nichts Neu­es“, der sich seit 1922 Erich Maria Remar­que nann­te – ver­wun­det in einem Laza­rett lag. Nach ihrer Rück­kehr nach Osna­brück erlern­te sie den Beruf der Schnei­de­rin, im Novem­ber 1922 leg­te sie die Gesel­len­prü­fung ab. Hier wur­de im Som­mer 1923 auch ihre Toch­ter Inge­borg gebo­ren, die aller­dings kurz dar­auf starb. Nach 1926 wech­sel­te sie dann erneut mehr­fach den Wohn- und Arbeits­ort: Sie arbei­te­te zuerst als Haus­schnei­de­rin in Leip­zig, 1927 ging sie nach Ber­lin; 1929 zog sie nach Dres­den, wo sie zuerst bei einem Schnei­der­meis­ter in der Bautz­ner Stra­ße arbei­te­te. In der Elbe­stadt beweg­te sie sich in den Künst­ler­krei­sen des Café Zuntz in der Pra­ger Stra­ße und lern­te den Maler Max Rosen­lö­cher ken­nen, mit dem sie bis 1933 befreun­det war.

Seit Mit­te der 1930er Jah­re betrieb Elfrie­de Scholz eine eige­ne Damen­schnei­de­rei in der Lan­ge­marck­stra­ße 42 (heu­te Berg­stra­ße), wo sie zuerst zur Unter­mie­te wohn­te. Um die­se Zeit hei­ra­te­te sie den Kauf­mann Paul Wil­ke, wohl 1935 wur­de die Ehe geschie­den. Spä­ter leb­te sie mit dem Cel­lis­ten Heinz Scholz zusam­men, den sie im Mai 1941 auch hei­ra­te­te. Im Sep­tem­ber 1941 reich­te die­ser aller­dings – bereits zum Kriegs­dienst ein­be­ru­fen – die Schei­dung ein. Die Ehe wur­de erst nach der Hin­rich­tung geschie­den.

Die Damen­schnei­de­rei von Elfrie­de Scholz erfreu­te sich vor allem mit dem zuneh­men­den Man­gel des Krie­ges gro­ßen Zulaufs. Und jener Publi­kums­ver­kehr wur­de der gera­de 40jährigen im August 1943 auch zum Ver­häng­nis, als sie von einer Kun­din bzw. deren Mann denun­ziert wur­de. Meh­re­re Per­so­nen erin­ner­ten sich nach 1945, dass Elfrie­de Scholz von »ihrer Ein­stel­lung zu den Nazis […] vor nichts und nie­man­dem ein Geheim­nis“ mach­te. Und die ihr zur Last geleg­ten Äuße­run­gen deu­ten in eben jene Rich­tung: Elfrie­de Scholz äußer­te im Som­mer 1943 offen ihre Zwei­fel an einem deut­schen Sieg – die »Sol­da­ten sei­en Schlacht­vieh, der Füh­rer habe sie auf dem Gewis­sen“, auch wünsch­te sie den „sieg­gläu­bi­gen Frau­en, daß ihre Män­ner drau­ßen fal­len.“ Hit­ler war für Elfrie­de Scholz ein „Idi­ot“, dem sie gern auch „selbst eine Kugel durch den Kopf jagen“ woll­te. Unge­klärt muss blei­ben, ob Elfrie­de Scholz in jener Zeit auch Kon­takt zum Dresd­ner Wider­stand – etwa zum Kreis um Rai­ner Fet­scher – hat­te. Dage­gen deu­tet vie­les dar­auf hin, dass zumin­dest in ihrem Umfeld ihre nahe Ver­wandt­schaft zu Erich Maria Remar­que bekannt war, des­sen Bücher die Natio­nal­so­zia­lis­ten 1933 ver­brann­ten und ver­bo­ten. Zumin­dest wur­de Elfrie­de Scholz in die­ser Hin­sicht mehr­fach gewarnt. Im „Pro­zess“ gegen sie soll­te dies eben­falls eine Rol­le spie­len, auch wenn sie zu ihrem Bru­der wohl um 1929 letzt­ma­lig enge­ren Kon­takt hat­te.

Nach den ers­ten Ver­neh­mun­gen in Dres­den wur­de Elfrie­de Scholz Anfang Sep­tem­ber 1943 in das Unter­su­chungs­ge­fäng­nis Ber­lin Alt-Moa­bit ver­legt, Mit­te Okto­ber 1943 wur­de die Ankla­ge­schrift wegen „Wehr­kraft­zer­set­zung“ und „Feind­be­güns­ti­gung“ vor dem Volks­ge­richts­hof vor­be­rei­tet. Der Pro­zess fand dann am 29. Okto­ber 1943 in Ber­lin unter dem Vor­sitz von Roland Freis­ler gegen die hier als „fana­ti­sche Zer­set­zungs­pro­pa­gan­dis­tin unse­rer Kriegs­fein­de“ und als „scham­lo­se Ver­rä­te­rin an ihrem eige­nen, unse­rem deut­schen Blut, an unse­rer Front, an unse­rem Leben als Volk“ bezeich­ne­te Dresd­ner Schnei­de­rin statt. Zudem soll der Erin­ne­rung einer Zeit­zeu­gin nach Freis­ler in jenem Pro­zess auch geäu­ßert haben: „Ihr Bru­der ist uns lei­der ent­wischt, Sie aber wer­den uns nicht ent­wi­schen.“ Inso­fern hat­te das Todes­ur­teil gegen Elfrie­de Scholz einen dop­pel­ten Hin­ter­grund, der in ihrem Fall nicht ledig­lich durch die Rah­men­be­din­gun­gen des Kriegs­to­ta­li­ta­ris­mus bedingt wur­de.

Elfrie­de Scholz wur­de nach dem Urteils­spruch in das Frau­en­gefäng­nis Ber­lin Bar­nim­stra­ße ver­legt, zwei Gna­den­ge­su­che der Ver­tei­di­ge­rin und einer Ber­li­ner Rechts­an­wäl­tin wur­den abge­lehnt. Am 16. Dezem­ber 1943 wur­de Elfrie­de Scholz, die mitt­ler­wei­le nach Ber­lin-Plöt­zen­see ver­legt wor­den war, ent­haup­tet.

Ihr Bru­der Erich Maria Remar­que, der sich zu die­sem Zeit­punkt im Exil in den USA befand, wuss­te nichts vom Schick­sal sei­ner Schwes­ter, im Sep­tem­ber 1944 gab er sie noch als lebend an. Erst im Juni 1946 erfuhr er von Pro­zess und Hin­rich­tung. Ende Febru­ar 1950 fand in Dres­den ein Pro­zess gegen die ehe­ma­li­ge Ver­mie­te­rin von Elfrie­de Scholz statt – die eigent­li­che Denun­zi­an­tin war bei den Bom­ben­an­grif­fen auf die Stadt im Febru­ar 1945 ums Leben gekom­men. Die Ver­mie­te­rin, die die Aus­sa­gen der Denun­zi­an­tin bestä­tigt und damit zum Todes­ur­teil bei­getra­gen hat­te, wur­de zu fünf Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Remar­que selbst wid­me­te sei­nen 1952 auf Deutsch und Eng­lisch erschie­ne­nen Roman „Der Fun­ke Leben“ (Spark of Life) der „Erin­ne­rung an mei­ne Schwes­ter Elfrie­de“. Zudem trägt seit 1968 eine Stra­ße in Osna­brück den Namen von Elfrie­de Scholz.

Die Paten­schaft für den Stol­per­stein hat der Dresd­ner His­to­ri­ker Dr. Swen Stein­berg über­nom­men, der für Rück­fra­gen zur Bio­gra­fie von Elfrie­de Scholz und ihrer Fami­lie zur Ver­fü­gung steht. Er ist eben­falls Mit­glied im Vor­stand des Ver­eins Stol­per­stein für Dres­den (Swen.Steinberg@tu-dresden.de /​0170 – 8008690)

Quel­len für die von Swen Stein­berg zusam­men­ge­stell­te Kurz­bio­gra­fie:

  • Clau­dia Glunz/​Thomas F. Schnei­der (Hg.): Elfrie­de Scholz, geb. Remark. Im Namen des Deut­schen Vol­kes: Doku­men­te einer jus­ti­ti­el­len Ermor­dung (Schrif­ten des Erich Maria Remar­que-Archivs 1), Osna­brück 1997.

Eli­sa­beth Pick (Alten­zel­ler Stra­ße 26)

Eli­sa­beth Pick, gebo­re­ne Mar­kus, wur­de am 7. April 1871 in Mainz gebo­ren.

Sie war ver­hei­ra­tet mit Kom­mer­zi­en­rat Franz Pick, der Mit­in­ha­ber der Malz­fa­brik Nie­der­sed­litz AG war. Die­ser ver­starb bereits 1932. Eli­sa­beth Pick hat­te drei Kin­der: Eli­sa­beth, Ernst und Mar­ga­re­the. Toch­ter Eli­sa­beth leb­te mit ihrem Mann und den fünf Kin­dern Wolf­gang, Diet­mar, Hil­de­gard, Mecht­hild und Ernst in Ber­lin. Da die Eltern früh ver­star­ben, waren die Enkel­kin­der Hil­de­gard und Mecht­hild regel­mä­ßig bei der Groß­mutter Eli­sa­beth Pick. Sohn Ernst, der 1895 in Dres­den gebo­ren wur­de, emi­grier­te mit sei­ner Fami­lie nach Eng­land.

Eli­sa­beth Pick muss­te in das soge­nann­te Juden­haus auf der Cas­par-David-Fried­rich-Stra­ße 16b zie­hen. Als sie den Depor­ta­ti­ons­be­fehl für The­re­si­en­stadt erhielt, nahm sie sich am 27. Janu­ar 1942 im Alter von 71 Jah­ren das Leben.

Quel­len:

  • Arbeits­kreis Gedenk­buch der Gesell­schaft für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit Dres­den e.V. (2006): Buch der Erin­ne­rung. Juden in Dres­den: Depor­tiert, ermor­det, ver­schol­len. 1933 – 1945. The­lem Uni­ver­si­täts­ver­lag Dres­den, S. 280f.

Else Augus­te Sei­fert (Buda­pes­ter Stra­ße 69)

Else Augus­te Sei­fert wur­de am 6. Sep­tem­ber 1902 in Ham­burg gebo­ren. Sie war die Toch­ter des Kauf­man­nes Hein­rich Erd­mann Richard Sei­fert (gestor­ben im Janu­ar 1939) und sei­ner Frau Augus­te Wil­hel­mi­ne Sei­fert (gestor­ben um 1950). Else hat­te einen jün­ge­ren Bru­der, Kurt Richard Sei­fert, gebo­ren im Febru­ar 1904. Die Fami­lie zog wäh­rend Elses Kind­heit nach Han­no­ver, wo das Mäd­chen das Lyze­um besuch­te. Im Anschluss, wäh­rend ihres 17./18. Lebens­jah­res, war Else ein Jahr in »Haus­halts­pen­si­on«, wahr­schein­lich eben­falls in Han­no­ver. Danach absol­vier­te sie eine Aus­bil­dung zur Kunst- und Werk­leh­re­rin, davon zwei Jah­re in Ber­lin und ein Jahr an der Werk­lehr­schu­le in Hil­des­heim. Die Eltern zogen in den 1920er Jah­ren nach Dres­den. Die Toch­ter besuch­te sie oft. Nach Aus­bil­dungs­en­de arbei­te­te die jun­ge Frau als Ver­tre­tungs­leh­re­rin an ver­schie­de­nen Schu­len in Nord­deutsch­land, so in Han­no­ver, Pei­ne (1925÷26) und Osna­brück. Ab April 1927 konn­te sie eine fes­te Stel­le als Zei­chen­leh­re­rin in Stet­tin (heu­te Polen) antre­ten. Ende 1928 wur­de sie mit einer schein­bar psy­chi­schen Erkran­kung auf­fäl­lig und muss­te nach einem Besuch bei ihren Eltern in Dres­den in die dor­ti­ge Ner­ven­heil­an­stalt ein­ge­lie­fert wer­den. Dort wur­de die Dia­gno­se Schi­zo­phre­nie gestellt. Laut Pati­en­ten­ak­te habe Else Augus­te Sei­fert nach der Rück­kehr aus der Haus­halts­pen­si­on ein ver­än­der­tes Wesen gezeigt, ihre Berufs­aus­bil­dung und die Tätig­keit in den Schu­len habe sie jedoch ohne Schwie­rig­kei­ten absol­viert.

Nach einem ein­jäh­ri­gen Auf­ent­halt im Sana­to­ri­um Kahl­baum in Gör­litz (Febru­ar 1929 bis Febru­ar 1930) wur­de Else Augus­te Sei­fert in die Heil- und Pfle­ge­an­stalt Arns­dorf ver­legt, wo sie spä­ter auf­grund des Geset­zes zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses zwangs­ste­ri­li­siert wur­de und den Rest ihres Lebens ver­brach­te. Die Ein­tra­gun­gen in der Pati­en­ten­ak­te las­sen ver­mu­ten, dass ihr Auf­ent­halt von Ver­le­gun­gen, Fixie­run­gen sowie teil­wei­se iso­lier­ter Unter­brin­gung geprägt war. Am 28. August 1940 wur­de Else Augus­te Sei­fert im Rah­men der Akti­on T4 nach Pir­na-Son­nen­stein trans­por­tiert und dort am sel­ben Tag ver­gast.

Seit dem 26. Okto­ber 2012 erin­nert ein Stol­per­stein vor dem frü­he­ren Stand­ort ihres Eltern-Wohn­hau­ses auf der Buda­pes­ter Stra­ße 69 an sie. Paten des Stei­nes sind die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen von Else Augus­te Sei­fert.

(Autorin: Ant­je Fri­cke, Okto­ber 2012)

Quel­len:

  • Anga­ben der Fami­lie, ins­be­son­de­re der Groß­nich­te Ant­je Fri­cke
  • Stif­tung Säch­si­sche Gedenkstätten/​Gedenkstätte Pir­na-Son­nen­stein

Dr. Arthur Oskar und Ger­trud Hele­ne Chitz, Hil­da Mar­ga­re­te Bock, Dr. Her­man Ernst She­ets (Helm­holtz­stra­ße 3b)

Arthur Oskar Chitz wur­de am 5. Sep­tem­ber 1882 in Praha (Prag) in eine deutsch­spra­chi­ge jüdi­sche Fabri­kan­ten­fa­mi­lie gebo­ren. Bereits im Alter von zehn Jah­ren ver­lor er sei­ne Eltern und wuchs fort­an bei sei­nem Onkel müt­ter­li­cher­seits auf. In Prag besuch­te er eine katho­li­sche Klos­ter­schu­le mit ver­stärk­tem Musik­un­ter­richt, wur­de Kom­po­si­ti­ons­schü­ler und erhielt außer­dem Kla­vier- und Gei­gen­un­ter­richt. An der Deut­schen Uni­ver­si­tät in Prag, vor­über­ge­hend auch in Leip­zig und Wien, stu­dier­te er natur­wis­sen­schaft­li­che Fächer, Phi­lo­so­phie und Musik­ge­schich­te. 1905 wur­de er mit der Arbeit »Die Hof­mu­sik­ka­pel­le Kai­ser Rudolfs II.« zum Dr. phil. pro­mo­viert. Nach der Pro­mo­ti­on war Arthur Chitz in Prag tätig, wo sei­ne Kom­po­si­tio­nen zum ers­ten Mal auf­ge­führt wur­den. 1906 hei­ra­te­te er Ger­trud Hele­ne Stern, die am 24. Mai 1884 eben­falls in Prag gebo­ren wur­de. Sie war die Toch­ter des Chef­re­dak­teurs der »Bohemia« und wird als begab­te Male­rin, Schift­stel­le­rin, Sän­ge­rin und Pia­nis­tin beschrie­ben.

Seit 1908 leb­te die Fami­lie in Dres­den. Toch­ter Hil­de­gard kam 1907 und ihre Bru­der Her­man Ernst 1908 zur Welt. Die Fami­lie leb­te 24 Jah­re auf der Helm­holtz­stra­ße 3b. In Dres­den nahm Arthur Oskar Chitz ein Stu­di­um der Che­mie an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le auf, um spä­ter im Unter­neh­men sei­nes Onkels arbei­ten zu kön­nen und damit finan­zi­ell unab­hän­gig zu sein. Er arbei­te­te als Dozent für Musik­theo­rie und Musik­ge­schich­te und als Kor­re­pe­ti­tor an der Dresd­ner Hof­oper. In den Jah­ren 1915 bis 1933 gehör­te er zu den aktivs­ten Pia­nis­ten und Cem­ba­lis­ten im gan­zen säch­si­schen Raum sowie in Ber­lin, Prag, Buda­pest und Bres­lau. Dar­über hin­aus war er 1918 bis 1933 als Kapell­meis­ter und Musik­di­rek­tor am Dresd­ner Schau­spiel­haus ange­stellt, spä­ter wur­de er Mit­glied von des­sen Künst­le­ri­schem Bei­rat.

1915 wur­de Chitz in die Öster­rei­chi­sche Armee ein­be­ru­fen und erhielt im sel­ben Jahr das Säch­si­sche Ver­dienst­kreuz. Am 1. Janu­ar 1934 wur­de er unter Beru­fung auf das »Gesetz zur Wie­der­her­stel­lung des Berufs­be­am­ten­tums« aus dem Thea­ter­dienst ent­las­sen, zwangs­wei­se in den Ruhe­stand geschickt und ab 1936 auch aus der »Reichs­fach­schaft Kom­po­nis­ten der Reichs­mu­sik­kam­mer« aus­ge­schlos­sen. Weil Chitz evan­ge­lisch getauft war, blieb ihm auch das Musik­le­ben im Rah­men des Jüdi­schen Kul­tur­bun­des ver­sperrt. Im Zuge der Ver­haf­tun­gen nach der »Reichs­kris­tall­nacht« 1938 wur­de er vor­über­ge­hend im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald inhaf­tiert. 1940 muss­te das Ehe­paar Chitz in das Dresd­ner »Alters­ju­den­haus« am Loth­rin­ger Weg 2 zie­hen, wo zu ihren Nach­barn auch Vic­tor Klem­pe­rer gehörte.?In der Nacht vom 20. zum 21. Janu­ar 1942 wur­de Arthur Chitz mit sei­ner Frau vom Bahn­hof Dres­den-Neu­stadt aus nach Ski­rota­va bei Riga depor­tiert, wo er beim Eisen­bahn­bau arbei­ten muss­te. Die genau­en Todes­um­stän­de sind nicht bekannt, ver­mut­lich starb er 1944 im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Riga-Kai­ser­wald. Her­man Ernst berich­tet über sei­ne Mut­ter Ger­trud Hele­ne Chitz, dass sie ver­mut­lich auf dem Fuß­marsch nach Dres­den ver­starb, nach­dem sie auf einem Schiff von Riga nach Stet­tin gelangt war. Ande­re Quel­len gehen davon aus, dass sie im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Riga-Kai­ser­wald im Novem­ber 1943 ums Leben kam.

Alle Ver­su­che der bei­den Kin­der, ihrer Eltern in Sicher­heit zu brin­gen, schlu­gen fehl. Toch­ter Hil­de­gard floh 1939 über Frank­reich und Chi­na (Shang­hai) in die USA und Her­man Ernst konn­te über die Tsche­cho­slo­wa­kei eben­falls in die USA flie­hen. Dr. Her­man Ernst She­ets, wie er sich seit 1939 nann­te, ver­starb 2006. Sei­ne Schwes­ter Hil­da Mar­ga­re­te Bock ver­starb 1984.

Die Paten­schaft für die Stol­per­stei­ne der Fami­lie Chitz /​She­ets über­nah­men Fami­lie Schind­ler, Dr. Mat­thi­as Röß­ler sowie die Ange­hö­ri­gen. Die Ver­le­gung der Stol­per­stei­ne fin­det in Anwe­sen­heit der aus den USA ange­reis­ten Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen statt.

Quel­len:

  • Anga­ben der Fami­lie
  • Arbeits­kreis Gedenk­buch der Gesell­schaft für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit Dres­den e.V. (2006): Buch der Erin­ne­rung. Juden in Dres­den: Depor­tiert, ermor­det, ver­schol­len. 1933 – 1945. The­lem Uni­ver­si­täts­ver­lag Dres­den, S. 65f.
  • Das Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs für die Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Juden­ver­fol­gung in Deutsch­land (1933−1945): www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/ [letz­ter Zugriff 22.11.2013]
  • Schind­ler, Aga­ta: »Ver­fem­te Musi­ker in Dres­den: Arthur Chitz und ande­re. Ein Bei­trag zum For­schungs­pro­jekt »Akten­zei­chen uner­wünscht«, in: Herr­mann, Mat­thi­as et el (2002): Dres­den und die avan­cier­te Musik im 20. Jahr­hun­dert. Teil II: 1933 – 1966. Bericht über das Kol­lo­qui­um vom 7. – 9. Okto­ber 1998 in Dres­den. S. 259 – 273.
  • Schind­ler, Aga­ta: »Bruch­stü­cke aus dem Leben und Wir­ken eines Musi­kers. Zum 120. Geburts­tag von Arthur Chitz, dem ehe­ma­li­gen Musik­di­rek­tor des Schau­spiel­hau­ses«, in: Ostra­ge­he­ge. Zeit­schrift für Lite­ra­tur, Kunst. 2002b, Heft 3, Nr. 27, S. 52 – 55.
  • Schind­ler, Aga­ta (2007): »Arthur Chitz«, in: Lexi­kon ver­folg­ter Musi­ker und Musi­ke­rin­nen der NS-Zeit (LexM), Musik­wis­sen­schaft­li­ches Insti­tut, Uni­ver­si­tät Ham­burg: http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002394;jsessionid=EB6EA1FD00424D4D068B7D7D3A2B996E?wcmsID=0003&XSL.lexmlayout.SESSION=lexmperson_all [letz­ter Zugriff 22.11.2013]
  • She­ets, Her­man Ernst et al. (2007): Star­ting Over. The Life of Her­man Ernst She­ets. Ed. By Pat McNees.

Thea, Klaus Peter, Gabrie­le Ruth, Wolf­gang Diet­rich und Den­ny Lie­ber­mann (Mosc­zin­sky­stra­ße 14)

Thea Fantl, gebo­re­ne Katz, wur­de am 1. Okto­ber 1908 oder 1910 im ober­schle­si­schen Beu­then (Bytom) gebo­ren.

Sie hei­ra­te­te 1928 Emil Lie­ber­mann. Das Paar zog gemein­sam mit dem ers­ten Sohn Klaus Peter, der am 25. August 1932 in Bres­lau (Wro­claw) gebo­ren wur­de, nach Dres­den. Dort arbei­te­te ihr Mann als selbst­stän­di­ger Han­dels­ver­tre­ter. Die Lie­ber­manns beka­men in Dres­den drei wei­te­re Kin­der: Gabrie­le Ruth (02. Juni 1934), Wolf­gang Diet­rich (30. Juni 1937) und Den­ny (30. Sep­tem­ber 1939).

Emil Lie­ber­mann wur­de nach der Pogrom­nacht 1938 ver­haf­tet und schwer miss­han­delt. Auf Initia­ti­ve sei­ner Frau erhielt er Papie­re zur Aus­wan­de­rung. Im August 1939 emi­grier­te er nach Groß­bri­tan­ni­en und hoff­te, sei­ne Fami­lie bald nach­ho­len zu kön­nen. Der Beginn des Krie­ges ver­hin­der­te die Zusam­men­füh­rung. Im Novem­ber 1942 wur­de Thea Lie­ber­mann mit Sohn Klaus Peter in das »Juden­la­ger Hel­ler­berg« depor­tiert, im März dar­auf nach Ausch­witz. Mut­ter und Sohn kamen dort ums Leben.

Die drei jün­ge­ren Kin­der der Lie­ber­manns kamen wahr­schein­lich zu den Groß­el­tern nach Bres­lau. Bei­de Groß­el­tern wur­den jedoch Ende August 1942 nach The­re­si­en­stadt und schließ­lich nach Treb­lin­ka depor­tiert. Über das wei­te­re Schick­sal der drei Geschwis­ter ist nichts bekannt.

Quel­len:

  • Arbeits­kreis Gedenk­buch der Gesell­schaft für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit Dres­den e.V. (2006): Buch der Erin­ne­rung. Juden in Dres­den: Depor­tiert, ermor­det, ver­schol­len. 1933 – 1945. The­lem Uni­ver­si­täts­ver­lag Dres­den, S. 225.
  • Das Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs für die Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Juden­ver­fol­gung in Deutsch­land (1933−1945): www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/
  • Eng­wert, Andre­as (2009): Son­der­zü­ge in den Tod. Die Depor­ta­tio­nen mit der Deut­schen Reichs­bahn. Böhlau Ver­lag Köln, S. 138.

Erich und Toni Scha­pi­ra (Bern­hard­stra­ße 37)

Erich Salo­mon Scha­pi­ra wur­de am 2. Juli 1883 in Han­no­ver gebo­ren. Sei­ne Frau Toni, gebo­re­ne Hoff­mann, kam am 27. August 1886 in Essen zur Welt. Im Febru­ar 1912 wur­de er von sei­ner Fir­ma nach Dres­den geschickt. Bis zu sei­ner Zwangs­ent­las­sung durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten war Erich Scha­pi­ra Direk­tor der pri­va­ten Tele­fon­ge­sell­schaft PRITEC des Fuld­kon­zerns. Im Anschluss arbei­te­te er als Teil­ha­ber der Fir­ma Mar­tin Eichel­grün & Co., einer Feld­bahn­fa­brik. In Dres­den sind meh­re­re Wohn­sit­ze bekannt. Im Janu­ar 1929 wur­de Erich Scha­pi­ra Vor­sit­zen­der der ORT-Gesell­schaft (Orts­grup­pe Dres­den), die sich um die Orga­ni­sa­ti­on von Arbeits­stel­len für die jüdi­sche Bevöl­ke­rung bemüh­te. Ab 1930 war er Vor­sit­zen­der der Mit­tel­stands­kü­chen der Dresd­ner jüdi­schen Gemein­de und ab 1934 enga­gier­te er sich als Vor­ste­her der­sel­ben. Außer­dem war Erich Scha­pi­ra Mit­glied der Fra­ter­ni­ta­tis­lo­ge.

Erich und Toni Scha­pi­ra hei­ra­te­ten am 10. Mai 1910 und 1935 wur­de den bei­den im Gemein­de­blatt der Israe­li­ti­schen Reli­gi­ons­ge­mein­de zur Sil­ber­hoch­zeit gra­tu­liert. Das Paar hat­te zwei Kin­der, Inge­borg und Hans, die Deutsch­land recht­zei­tig ver­las­sen konn­ten. Hans ging 1938 in die USA und Inge­borg, ver­hei­ra­te­te Beck, emi­grier­te nach ihrer Hoch­zeit 1935 nach Frank­reich.

1939 erkrank­te die Toch­ter lebens­be­droh­lich. Toni Scha­pi­ra erhielt die Erlaub­nis die Toch­ter zu besu­chen mit der Andro­hung der Ver­haf­tung ihres Man­nes, wenn sie nicht zurück­keh­ren wür­de. Toni Scha­pi­ra wur­de am 1. Mai 1942 in den Frei­tod getrie­ben. Erich Scha­pi­ra schrieb sei­ner Toch­ter am 5. Juli 1942 letzt­ma­lig. In die­sem Brief beklag­te er die Ent­beh­run­gen, die er im »Juden­haus« auf der Fürs­ten­stra­ße 2 erdul­den muss­te sowie die zehn­stün­di­ge Zwangs­ar­beit. Erich Scha­pi­ra wur­de am 13. Juli 1942 ver­mut­lich nach War­schau depor­tiert und von dort aus nach Ausch­witz-Bir­ken­au. Er hat die Shoa nicht über­lebt. Die Toch­ter Inge­borg Eli­sa­beth konn­te ihre bei­den Kin­der und sich unter gro­ßen Ent­beh­run­gen in Frank­reich ver­ste­cken. Die Ver­le­gung der Stol­per­stei­ne fand in Anwe­sen­heit der Enke­lin von Erich und Toni Scha­pi­ra statt.

Eine Dresd­ner Fami­lie spen­de­te die Stol­per­stei­ne für Erich und Toni Scha­pi­ra im Jahr 2012.

Quel­len:

  • Anga­ben der Fami­lie
  • Arbeits­kreis Gedenk­buch der Gesell­schaft für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit Dres­den e.V. (2006): Buch der Erin­ne­rung. Juden in Dres­den: Depor­tiert, ermor­det, ver­schol­len. 1933 – 1945. The­lem Uni­ver­si­täts­ver­lag Dres­den, S. 324f.

Simon und Ger­trud Sil­ber­mann (Winckel­mann­stra­ße 3)

Simon Sil­ber­mann wur­de am 18. März 1891 in Lódz gebo­ren. Sei­ne Frau Ger­trud Sil­ber­mann, gebo­re­ne Fleisch­mann, kam am 16. April 1895 in Dres­den zur Welt. Simon Sil­ber­mann hat­te noch in Lódz die Han­dels­hoch­schu­le abge­schlos­sen und war seit 1919 in Sach­sen als Kauf­mann tätig. Die Fami­lie von Ger­trud Sil­ber­mann leb­te in Chem­nitz. Nach der Hei­rat mit Simon Sil­ber­mann kehr­te Ger­trud Sil­ber­mann nach Dres­den zurück. Am 1. Sep­tem­ber 1919 wur­den die Söh­ne Har­ry und Sieg­bert gebo­ren, die 1932 ihre Bar Miz­wah fei­er­ten. Zwei Jah­re spä­ter flüch­te­ten die Zwil­lings­brü­der mit einer jüdi­schen Orga­ni­sa­ti­on (Ali­ja), die Kin­der und Jugend­li­che in Sicher­heit brach­ten, nach Paläs­ti­na.

Die Eltern wur­den im Novem­ber 1942 in das »Juden­la­ger Hel­ler­berg« depor­tiert, wo Ger­trud Sil­ber­mann in der Rüs­tungs­in­dus­trie Zwangs­ar­beit für die Zeiss Ikon AG leis­ten muss­te. Im März 1943 wur­den die Lager­in­sas­sen in das Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz-Bir­ken­au depor­tiert, wo Ger­trud Sil­ber­mann von 47 Jah­ren und Simon Sil­ber­mann im Alter von 51 Jah­ren, ver­mut­lich kurz nach ihrer Ankunft ermor­det wur­den.

Kath­rin Krahl und Hei­ke Ehr­lich, die mit der Fami­lie in Isra­el in Kon­takt ste­hen, über­nah­men die Paten­schaft für die Stol­per­stei­ne der Fami­lie Sil­ber­mann. Wei­ter­hin spen­de­te Berit Schöf­ski für die Stol­per­stei­ne der Fami­lie.

Quel­len:

  • Arbeits­kreis Gedenk­buch der Gesell­schaft für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit Dres­den e.V. (2006): Buch der Erin­ne­rung. Juden in Dres­den: Depor­tiert, ermor­det, ver­schol­len. 1933 – 1945. The­lem Uni­ver­si­täts­ver­lag Dres­den, S. 342.
  • Das Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs für die Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Juden­ver­fol­gung in Deutsch­land (1933−1945): www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/

Ger­trud Hil­le (Uhland­stra­ße 34)

Am 12. Dezem­ber 1899 wur­de Marie Ger­trud Hil­le als eines von zehn Kin­dern in Coschütz, Sach­sen, gebo­ren. Nach der Volks­schu­le fand Ger­trud Hil­le ver­schie­de­ne Anstel­lun­gen als Haus­halts­ge­hil­fin. Mit 18 Jah­ren wur­de sie von ihren Eltern in die Säch­si­sche Heil- und Pfle­ge­an­stalt, das Kran­ken­haus Löb­tau, gebracht. Dort soll­te ihr als sehr zurück­ge­zo­gen beschrie­be­nes Ver­hal­ten näher unter­sucht und behan­delt wer­den. 1917 wur­de die Dia­gno­se »Schi­zo­phre­nie« und »Jugend­ir­re­sein« gestellt. Ein Jahr spä­ter, im Jah­re 1918, wur­de sie in die Säch­si­sche »Lan­des­an­stalt« Arns­dorf ver­legt. Nach weni­gen Mona­ten wur­de sie auf Wunsch der schwer­kran­ken Mut­ter wie­der nach Hau­se ent­las­sen. Fort­an half sie der Mut­ter im Haus­halt und arbei­te­te in der Näh­ma­schi­nen­fa­brik Sei­ler & Nau­mann in Dres­den. 1927 brach­te Ger­trud Hil­le eine Toch­ter zur Welt. Da sie sich erneut in sich zurück zog, auch oft schein­bar grund­los wein­te und apa­thi­sches Ver­hal­ten zeig­te, wur­de sie im Novem­ber 1927 zum zwei­ten Mal nach Arns­dorf gebracht. Ihre Toch­ter wur­de fort­an von den Groß­el­tern und Tan­ten groß gezo­gen.

Am 21. März 1940 wur­de Ger­trud Hil­le erneut ver­legt. Dies­mal in die »Heil- und Pfle­ge­an­stalt« Hoch­weit­zschen. Auch dort blieb sie nicht lan­ge. Am 26. Febru­ar 1941 wur­de sie in die »Heil- und Pfle­ge­an­stalt Groß­schweid­ni­tz« ver­legt. Die Ein­rich­tung gehör­te zu den soge­nann­ten »Zwi­schen­an­stal­ten« in Sach­sen. Zwei Mona­te nach der Ver­le­gung, am 25. März 1941, wur­de Ger­trud Hil­le nach Pir­na-Son­nen­stein gebracht.

Aus einem an die Eltern datier­ten Schrei­ben geht her­vor, dass Ger­trud Hil­le am 02. April 1941 in die »Lan­des­an­stalt Hart­heim«, heu­te in Öster­reich, trans­por­tiert wor­den sei. Kurz dar­auf, genau eine Woche spä­ter, erhal­ten die Eltern ein wei­te­res Schrei­ben: Ger­trud Hil­le sei an einer Lun­gen­ent­zün­dung am 09. April 1941 in Hart­heim ver­stor­ben. Erst 2005 erfuhr die Toch­ter Ger­trud Hil­les, dass ihre Mut­ter bereits am 25. März 1941 auf dem Son­nen­stein ober­halb von Pir­na ermor­det wur­de.

(Autorin: Sabi­ne Hanke, August 2012)

Die Toch­ter von Frau Hil­le spen­de­te die­sen Stol­per­stein für ihre Mut­ter 2012.

Quel­len:

  • Anga­ben der Fami­lie
  • Stif­tung Säch­si­sche Gedenkstätten/​Gedenk­stät­te Pir­na-Son­nen­stein

Her­bert Samu­el (Regens­bur­ger Stra­ße 15)

Her­bert Samu­el wur­de am 12. Mai 1894 in Pom­mern-Stolp gebo­ren. Sei­ne Frau Ellen, gebo­re­ne Nuss­baum, wur­de am 2. Sep­tem­ber 1901 in Hal­le gebo­ren.

Her­bert Samu­el kam etwa 1920 nach Dres­den und arbei­te­te als Getrei­de- und Fut­ter­mit­tel-Kauf­mann; sein Büro befand sich auf der der Reichs­stra­ße 15. 1925 hei­ra­te­ten Her­bert Samu­el und Ellen Nuss­baum. Ellen Samu­el war Kin­der­päd­ago­gin und bot in ihrem Fach auch Wei­ter­bil­dun­gen an. Sohn Ralph Artur wur­de am 12. August 1931 gebo­ren und konn­te mit einem der soge­nann­ten Kin­der­trans­por­te nach Eng­land flie­hen. Sei­ne Mut­ter folg­te im Jahr 1939. Her­bert Samu­el muss­te in eines der soge­nann­ten Dresd­ner Juden­häu­ser auf die Röhr­hof­gas­se 16 zie­hen. Im Novem­ber 1942 wur­de er in das »Juden­la­ger Hel­ler­berg« depor­tiert und von dort aus am 2. und 3. März 1943 nach Ausch­witz-Bir­ken­au, wo er kurz nach Ankunft im Alter von 48 Jah­ren ermor­det wur­de.

Dirk Wieg­hardt spen­de­te für die Stol­per­stei­ne für Her­bert Samu­el und Sel­ma Nuss­baum. Er lern­te Ralph Samu­el, Her­berts Sohn und Sel­ma Nuss­baums Enkel per­sön­lich ken­nen.

Quel­len:

  • Anga­ben der Fami­lie
  • Arbeits­kreis Gedenk­buch der Gesell­schaft für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit Dres­den e.V. (2006): Buch der Erin­ne­rung. Juden in Dres­den: Depor­tiert, ermor­det, ver­schol­len. 1933 – 1945. The­lem Uni­ver­si­täts­ver­lag Dres­den, S. 317f.

Julie Salinger (Bay­reu­ther Stra­ße 14)

Julie Salinger, gebo­re­ne Braun, wur­de am 31. Juli 1863 im ost­preu­ßi­schen Ortels­burg (Pol­nisch Szc­zyt­no) gebo­ren.

Ihr Ehe­mann Juli­us Isra­el Salinger, der bereits 1921 ver­starb, war Mit­in­ha­ber einer Schuh­wa­ren­fa­brik. 1887 wur­de Sohn Paul gebo­ren, der spä­ter Rechts­an­walt wur­de. Fami­lie Salinger kam ver­mut­lich 1898 nach Dres­den, wo sie akti­ve Mit­glie­der der Israe­li­ti­schen Reli­gi­ons­ge­mein­de zu Dres­den wur­den. Juli­us Salinger war Gemein­de­rats­mit­glied und Paul Salinger war zwi­schen 1925 und 1932 geschäfts­füh­ren­der Vor­ste­her der Gemein­de. Julie Salinger gehör­te inner- und außer­halb der Israe­li­ti­schen Reli­gi­ons­ge­mein­de zu den Grün­de­rin­nen meh­re­rer sozia­ler Frau­en­ver­ei­ne, so bei­spiels­wei­se des 1902 gegrün­de­ten Schwestern­bun­des der Fra­ter­ni­ta­tis­lo­ge. Außer­dem gab sie Anre­gun­gen zum Auf­bau eines Gemein­de-Kin­der­horts und war vie­le Jah­re Lei­te­rin des Dresd­ner Rechts­schutz­ver­eins für Frau­en.

Zu den Wah­len im Febru­ar 1919 kan­di­dier­te sie erfolg­reich auf der Lis­te der links­li­be­ra­len Deut­schen Demo­kra­ti­schen Par­tei (DDP) für den Säch­si­schen Land­tag und gehör­te damit zu jenen drei Frau­en, die erst­mals einem Lan­des­par­la­ment in Sach­sen ange­hör­ten. Das Haupt­au­gen­merk ihrer par­la­men­ta­ri­schen Arbeit galt der sozia­len und gesell­schaft­li­chen Gleich­stel­lung der Frau­en. Dane­ben beschäf­tig­te sie sich mit Fra­gen des Bil­dungs- und Gesund­heits­we­sens. In ihrer Funk­ti­on als Land­tags­ab­ge­ord­ne­te setz­te sie sich außer­dem für die Siche­rung eines Exis­tenz­mi­ni­mums ein, für eine ver­bes­ser­te Aus­bil­dung von Frau­en und Mäd­chen sowie für Unter­stüt­zungs­sät­ze für Erwerbs­lo­se und glei­che Ren­ten­ver­gü­tung. Sie for­der­te mehr­mals die Anhö­rung von sach­kun­di­gen Frau­en und bat stets inner­par­tei­li­che Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten so lan­ge zurück­zu­stel­len, bis die drin­gends­ten sozia­len Pro­ble­me geklärt sein wür­den.

Julie Salinger war auch außer­par­la­men­ta­risch aktiv. Bis Ende der 1920er Jah­re gehör­te sie bei­spiels­wei­se dem Lan­des­ver­band säch­si­scher Frau­en­ver­ei­ne an. Nach der Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten blieb sie in Dres­den, Hin­wei­se auf Aus­wan­de­rungs­ab­sich­ten gibt es nicht. Ab 1940 muss­te sie mit ihrer eben­falls ver­wit­we­ten Schwes­ter in das »Juden­haus« auf der Bautz­ner Stra­ße 20 zie­hen. Mit dem Trans­port V/​5 wur­de sie am 25. August 1942, bereits 79-jäh­rig gemein­sam mit ihrer Schwes­ter nach The­re­si­en­stadt depor­tiert, wo sie kurz dar­auf am 16. Sep­tem­ber 1942 ums Leben kam.

Ihr Enkel Wolf­gang J. Salinger ver­starb 2009 in San Fran­cis­co im Alter von 92 Jah­ren. Er leb­te über 40 Jah­re in Argen­ti­ni­en, bevor er in die USA ging, wo sei­ne Fami­lie noch immer lebt.

Die Arbeits­ge­mein­schaft Sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Frau­en Dres­den spen­de­te die­sen Stol­per­stein 2012.

Quel­len:

  • Arbeits­kreis Gedenk­buch der Gesell­schaft für Christ­lich-Jüdi­sche Zusam­men­ar­beit Dres­den e.V. (2006): Buch der Erin­ne­rung. Juden in Dres­den: Depor­tiert, ermor­det, ver­schol­len. 1933 – 1945. The­lem Uni­ver­si­täts­ver­lag Dres­den, S. 314.
  • Adreß­buch für Dres­den und Vor­or­te 1934. Adreß­buch­ver­lag der Dr. Günt­z­schen Stif­tung, Dres­den 1934, S. 669.
  • Kirsch, Ingrid: »Julie Salinger – eine der ers­ten Frau­en im Län­der­par­la­ment Sach­sens«, in: Dresd­ner Hef­te. Bei­trä­ge zur Kul­tur­ge­schich­te: Caro­li­ne, Ber­ta, Gret und die ande­ren. Frau­en und Frau­en­be­we­gung in Dres­den. Bd. 62, 2000, S. 85 – 88.
  • Vogel, Lutz (2007): »Salinger, Julie«, in: Säch­si­sche Bio­gra­fie, hrsg. vom Insti­tut für Säch­si­sche Geschich­te und Volks­kun­de e.V., bearb. von Mar­ti­na Schat­t­kow­sky, Online-Aus­ga­be: www.isgv.de/saebi/ [letz­ter Zugriff 19.11.2012]
  • Vogel, Lutz (2007): »Par­la­ments­ar­beit einer Novi­zin. Julie Salinger im Säch­si­schen Land­tag 1919 – 1922«, in: Medaon. Maga­zin für jüdi­sches Leben in For­schung und Bil­dung. 1/​2007, Online-Aus­ga­be: http://www.medaon.de/pdf/M-Vogel-1 – 2007.pdf [letz­ter Zugriff 19.11.2012]