Stolpersteine rund um das Nürnberger Ei

Im Gebiet um das Nürnberger Ei finden sich zahlreiche »Stolpersteine« – Gedenksteine für jüdische Bewohner des Viertels, welche in der Zeit des Dritten Reiches ermordet wurden.

Diese Übersicht soll beim Finden der Stolpersteine helfen und erinnern.

Richard und Bertha Steinhart (Bernhardstraße 39)

Richard Steinhart wurde am 26. Mai 1873 in Merseburg geboren. Seine Frau Bertha, geborene Auerbach, kam am 1. September 1875 im ehemaligen deutschen Landkreis Tachau zur Welt. Richard Steinhart war Kaufmann und erfolgreicher Inhaber des Kaufhauses Steinhart auf der Kesselsdorfer Straße 17 in Löbtau, das bis 1933 folgendermaßen warb: „Die leistungsfähige Einkaufsstätte für Haus- und Küchengeräte, Lederwaren, Geschenkartikel, Spielwaren, Linoleum, Herrenartikel, Strümpfe, Handarbeiten und Trikotagen“. Das Paar hatte drei Kinder: Kurt, Werner und Emilie. Das Kaufhaus wurde nach der Pensionierung des Vaters von den Söhnen Kurt und Werner übernommen.

1933 wurde die Familie gezwungen, das Kaufhaus zu einem sehr niedrigen Preis zu verkaufen. Emilie Steinhart konnte mit ihren beiden Kindern über England in die USA fliehen. Werner Steinhert und seine frisch verheiratete Frau Marga Goldblum konnten 1938 nach Holland fliehen und gelangten von dort aus 1939 in die USA. Sie waren am 5. November 1939 das letzte Paar, das in der Dresdner Synagoge getraut wurde, bevor diese nur wenige Tage darauf zerstört wurde. In den USA kamen die Söhne Ronald und Richard Steinhart zur Welt. Die Eltern Richard und Bertha Steinhart hatten bereits ein Visum für Panama und entschieden sich in letzter Instanz aber für ein Jüdisches Altenheim in Berlin. Von dort aus wurden beide nach Theresienstadt deportiert, wo Richard Steinhart am 15. Juli 1943 im Alter von 68 Jahren ermordet wurde. Bertha Steinhart wurde am 18. Mai 1944 nach Auschwitz-Birkenau weiterdeportiert und dort ermordet.

Im Dokumentarfilm von Mark Birnbaum The Harptree (2006) ist das Schicksal der Familie sowie die Reise der Söhne Ronald und Richard an die Lebens- und Wirkungsorte in Dresden der Familie on Dresden dokumentiert. Für weitere Opfer der Familie Steinhart sind zum Teil bereits Stolpersteine verlegt worden bzw. wird dies in Planung. Weitere Opfer der Familie sind die Cousins und Cousinen ersten Grades: Max und Berta Steinhart, Rosa und Walter Steinhart, Oskar und Berta Steinhart, Ida Steinhart, verheiratete Fränkel und Joseph Fränkel sowie die Kinder dieser Familien: Edith, Erik, Herbert und Alfred Steinhart. Bis zur Gegenwart erfolgte keine Restitution der Vermögenswerte von Familie Steinhart, wie u.a. des mittlerweile sanierten ehemaligen Wohnhauses auf der Bernhardstraße 39.

Die Stolpersteine im Gedenken an Familie Steinhart wurden im Juni 2011 (Sonja Steinhart) sowie im September 2013 verlegt.

Quellen:

Arthur Anton Zinn (Chemnitzer Straße 119)

Arthur Anton Zinn wurde am 29. November 1899 als erstes von sechs Kindern in Dresden geboren (Geschwister: Alexander, Edeltraud, Herbert-Helmut, Hans, Leopold). Er war der Sohn des Graveurs Arthur Zinn (1878-1967) und dessen Frau Rosa Zinn (1879-1919), geborene Wopat. Die Familie lebte zunächst auf der Chemnitzer Straße 113 und zog später auf der Chemnitzer Straße 119. Als seine Frau 1919 im Alter von nur 40 Jahren verstarb, sorgte Herr Arthur Zinn allein für seine sechs Kinder. Arthur Zinn kam bereits geistig behindert zur Welt und besuchte aus diesem Grund keine Schule. Zwischen dem 24. August 1908 und dem 8. März 1909 hielt er sich in der Landesanstalt Chemnitz-Altendorf auf. Im Anschluss daran lebte er wieder bei seiner Familie in Dresden. Zwischen 1911 und 1916 war er Patient der Städtischen Heil- und Pflegeanstalt, dem späteren Stadtkrankenhaus Löbtau. Im Anschluss lebte er ohne Unterbrechung 24 Jahre lang bis zum Juli 1940 in der Psychiatrischen Landesanstalt Arnsdorf, wo er von seiner Familie regelmäßig besucht wurde. Am Morgen des 31. Juli 1940 wurde ein Teil der Patienten „kriegsbedingt“ verlegt und unmittelbar nach Ankunft in der nationalsozialistischen Landesanstalt Pirna-Sonnenstein in der Gaskammer ermordet. Am selben Tag wurde auch die Künstlerin Elfriede Lohse-Wächtler verlegt und ermordet. Arthur Zinn wurde 41 Jahre alt. Der Prozess gegen die Verantwortlichen der sächsischen Euthanasie-Verbrechen fand 1947 im damaligen Dresdner Landgericht am Münchner Platz statt.

Seine Großnichten Sigrid Harley und Monika Müller ließen diesen Stolperstein in Gedenken an ihren Großonkel Arthur Zinn im September 2013 verlegen.

Quellen:

Josef und Selma Rabinowitsch (Liebigstraße 23)

Josef Rabinowitsch wurde am 19. Oktober 1864 in Haindan in Litauen geboren. Seine Frau Selma, geborene Jacoby, kam am 13. Februar 1872 in Schwetz an der Weichsel zur Welt, dem heutigen Swiecie in Polen (ca. 100 km südlich von Danzig). Selma war die Tochter von Isidor und Toni Jacoby. Sie hatten einen Sohn, Martin Herbert. Er wurde am 25. Mai 1895 in Dresden geboren. Josef Rabinowitsch war Kaufmann und das Ehepaar wohnte in der Liebigstraße 23.

Die Familie musste in das "Judenhaus" auf der Schweizer Straße 2 in der Dresdner Südvorstadt ziehen. Das Ehepaar Rabinowitsch schloss einen "Heimeinkaufsvertrag" für Theresienstadt ab. In Theresienstadt wurde nach der Wannseekonferenz ein sogenanntes Altersghetto angelegt. Die ältere jüdische Bevölkerung, die ab 1942 dort leben sollte, wurde eine lebenslange kostenfreie Unterbringung, Verpflegung sowie eine Krankenversorgung zugesichert. Neben einer errechneten Vorauszahlung wurden weitere Abgaben, Spenden und Vermögensübertragungen gefordert. Tatsächlich fanden die Deportierten in Theresienstadt überfüllte und kaum beheizte Wohnstätten vor, mangelhafte Ernährung und unzureichende ärztliche Versorgung. Die Vermögenswerte fielen später dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zu.

Mit dem Transport V/7 vom 22. September 1942 wurden Josef und Selma Rabinowitsch nach Theresienstadt deportiert. Josef war zu diesem Zeitpunkt bereits 78 Jahre alt, Selma 70. Josef Rabinowitsch ist am 1. Oktober 1942, kurz vor seinem 79. Geburtstag, im Ghetto Theresienstadt umgekommen, seine Frau Selma kurz darauf am 6. Oktober 1942.

Die Stolpersteine für Familie Rabinowitsch wurden im September 2013 verlegt.

Quellen:

Herbert, Hertha Ruth und Stefan Rabinowitsch (Liebigstraße 23)

Martin Herbert Rabinowitsch, geboren am 25. Mai 1895 in Dresden (oder 1896 sowie 25. Juni 1895), war der Sohn von Josef und Selma Rabinowitsch, geb. Jacoby. Seine Ehefrau Herta Ruth, geb. Kann, kam am 30. Juni 1904 in Berlin oder Dresden zur Welt. Ihre Eltern waren Julius und Helene Kann. Ihr Sohn Stefan wurde am 30. März 1936 in Dresden geboren. Sie wohnten zuletzt in der Hähnelstraße 3. Im Verzeichnis jüdischer gewerblicher Betriebe wird 1938 ein Textilwarenhandel auf der Liebigstraße 23 im Erdgeschoss genannt. Vermutlich hatte er das Geschäft vom Vater übernommen.

Ende 1941 wurde Martin Herbert Rabinowitsch in Dresden verhaftet und im Alter von 46 Jahren nach Buchenwald oder in ein anderes Konzentrationslager deportiert, wo er umkam. Seine Frau Herta Ruth besuchte zehn Jahre das Lyzeum und arbeitete später als kaufmännische Korrespondentin.

Gemeinsam mit ihrem Sohn Stefan wurde sie am 20./21. Januar 1942 nach Riga deportiert. Sie war zu diesem Zeitpunkt 38, ihr Sohn war 5 Jahre alt. Im November 1943 wurde das Ghetto Riga aufgelöst. Herta Ruth Rabinowitsch wurde gemeinsam mit ihrem Sohn ermordet.

Die Stolpersteine für Familie Rabinowitsch wurden im September 2013 verlegt.

Quellen:

Chaim Lewin (Regensburger Straße 3)

Chaim Lewin wurde am 25. November 1866 im russischen Aschmjany, im heutigen Belarus geboren.

Vermutlich kam er Anfang der 1930er Jahre nach Dresden, denn in den Dresdner Adressbüchern ist er erstmals 1933 geführt. Unter der Jochhöhstraße 2b, heute Alfred-Thiele-Straße im Stadtteil Dölzschen vermutet man seine Geschäftsadresse. Herr Lewin war als Kaufmann in der Tabakbranche tätig und handelte mit der Türkei und den Ländern Südosteuropas. In erster Ehe war er mit Beila Gertner verheiratet, die 1923 verstarb. Später heiratete er Anna Barwich. Er hatte zwei Töchter, Henni und Sophie, sowie die Söhne Joseph und Jakob.

Vor seiner Deportation lebte er in einem der sogenannten Judenhäuser auf der Pirnaischen Straße 23. Im Alter von 75 Jahren wurde er mit dem Transport V/6 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort kam Chaim Lewin am 25. November 1942 zu seinem 76. Geburtstag ums Leben.

Für Chaim Lewins Sohn Joseph, seine Tochter Sophie Noack sowie seine Enkelin Henni Noack liegen Stolpersteine in Berlin, wo sie zuletzt vor ihrer Deportation nach Ausschwitz lebten. Über die Kinder Jakob und Henni ist nichts bekannt.

Chaim Lewins Enkelsohn spendete 2009 den Stolperstein für seinen Großvater. Er selbst entkam der Deportation mit einem Kindertransport nach England.

Quellen:

Elfriede Maria Scholz (Bergstraße 42)

am 25. März 1903 als Elfriede Maria Remark in Osnabrück geboren
am 16. Dezember 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet

Elfriede Scholz wurde als fünftes und jüngstes Kind eines Buchbinders geboren, sie ging in Osnabrück zur Schule. Aufgrund gesundheitlicher Probleme erlernte sie zuerst keinen Beruf und wechselte ab Herbst 1917 mehrfach Wohnort und Arbeit. So war sie im Dezember 1917 als Dienstmädchen in Duisburg tätig, wo ihr Bruder Erich Paul Remark – der Autor des 1928/29 veröffentlichten Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“, der sich seit 1922 Erich Maria Remarque nannte – verwundet in einem Lazarett lag. Nach ihrer Rückkehr nach Osnabrück erlernte sie den Beruf der Schneiderin, im November 1922 legte sie die Gesellenprüfung ab. Hier wurde im Sommer 1923 auch ihre Tochter Ingeborg geboren, die allerdings kurz darauf starb. Nach 1926 wechselte sie dann erneut mehrfach den Wohn- und Arbeitsort: Sie arbeitete zuerst als Hausschneiderin in Leipzig, 1927 ging sie nach Berlin; 1929 zog sie nach Dresden, wo sie zuerst bei einem Schneidermeister in der Bautzner Straße arbeitete. In der Elbestadt bewegte sie sich in den Künstlerkreisen des Cafe Zuntz in der Prager Straße und lernte den Maler Max Rosenlöcher kennen, mit dem sie bis 1933 befreundet war.

Seit Mitte der 1930er Jahre betrieb Elfriede Scholz eine eigene Damenschneiderei in der Langemarckstraße 42 (heute Bergstraße), wo sie zuerst zur Untermiete wohnte. Um diese Zeit heiratete sie den Kaufmann Paul Wilke, wohl 1935 wurde die Ehe geschieden. Später lebte sie mit dem Cellisten Heinz Scholz zusammen, den sie im Mai 1941 auch heiratete. Im September 1941 reichte dieser allerdings – bereits zum Kriegsdienst einberufen – die Scheidung ein. Die Ehe wurde erst nach der Hinrichtung geschieden.

Die Damenschneiderei von Elfriede Scholz erfreute sich vor allem mit dem zunehmenden Mangel des Krieges großen Zulaufs. Und jener Publikumsverkehr wurde der gerade 40jährigen im August 1943 auch zum Verhängnis, als sie von einer Kundin bzw. deren Mann denunziert wurde. Mehrere Personen erinnerten sich nach 1945, dass Elfriede Scholz von „ihrer Einstellung zu den Nazis […] vor nichts und niemandem ein Geheimnis“ machte. Und die ihr zur Last gelegten Äußerungen deuten in eben jene Richtung: Elfriede Scholz äußerte im Sommer 1943 offen ihre Zweifel an einem deutschen Sieg – die „Soldaten seien Schlachtvieh, der Führer habe sie auf dem Gewissen“, auch wünschte sie den „sieggläubigen Frauen, daß ihre Männer draußen fallen.“ Hitler war für Elfriede Scholz ein „Idiot“, dem sie gern auch „selbst eine Kugel durch den Kopf jagen“ wollte. Ungeklärt muss bleiben, ob Elfriede Scholz in jener Zeit auch Kontakt zum Dresdner Widerstand – etwa zum Kreis um Rainer Fetscher – hatte. Dagegen deutet vieles darauf hin, dass zumindest in ihrem Umfeld ihre nahe Verwandtschaft zu Erich Maria Remarque bekannt war, dessen Bücher die Nationalsozialisten 1933 verbrannten und verboten. Zumindest wurde Elfriede Scholz in dieser Hinsicht mehrfach gewarnt. Im „Prozess“ gegen sie sollte dies ebenfalls eine Rolle spielen, auch wenn sie zu ihrem Bruder wohl um 1929 letztmalig engeren Kontakt hatte.

Nach den ersten Vernehmungen in Dresden wurde Elfriede Scholz Anfang September 1943 in das Untersuchungsgefängnis Berlin Alt-Moabit verlegt, Mitte Oktober 1943 wurde die Anklageschrift wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Feindbegünstigung“ vor dem Volksgerichtshof vorbereitet. Der Prozess fand dann am 29. Oktober 1943 in Berlin unter dem Vorsitz von Roland Freisler gegen die hier als „fanatische Zersetzungspropagandistin unserer Kriegsfeinde“ und als „schamlose Verräterin an ihrem eigenen, unserem deutschen Blut, an unserer Front, an unserem Leben als Volk“ bezeichnete Dresdner Schneiderin statt. Zudem soll der Erinnerung einer Zeitzeugin nach Freisler in jenem Prozess auch geäußert haben: „Ihr Bruder ist uns leider entwischt, Sie aber werden uns nicht entwischen.“ Insofern hatte das Todesurteil gegen Elfriede Scholz einen doppelten Hintergrund, der in ihrem Fall nicht lediglich durch die Rahmenbedingungen des Kriegstotalitarismus bedingt wurde.

Elfriede Scholz wurde nach dem Urteilsspruch in das Frauengefängnis Berlin Barnimstraße verlegt, zwei Gnadengesuche der Verteidigerin und einer Berliner Rechtsanwältin wurden abgelehnt. Am 16. Dezember 1943 wurde Elfriede Scholz, die mittlerweile nach Berlin-Plötzensee verlegt worden war, enthauptet.

Ihr Bruder Erich Maria Remarque, der sich zu diesem Zeitpunkt im Exil in den USA befand, wusste nichts vom Schicksal seiner Schwester, im September 1944 gab er sie noch als lebend an. Erst im Juni 1946 erfuhr er von Prozess und Hinrichtung. Ende Februar 1950 fand in Dresden ein Prozess gegen die ehemalige Vermieterin von Elfriede Scholz statt – die eigentliche Denunziantin war bei den Bombenangriffen auf die Stadt im Februar 1945 ums Leben gekommen. Die Vermieterin, die die Aussagen der Denunziantin bestätigt und damit zum Todesurteil beigetragen hatte, wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Remarque selbst widmete seinen 1952 auf Deutsch und Englisch erschienenen Roman „Der Funke Leben“ (Spark of Life) der „Erinnerung an meine Schwester Elfriede“. Zudem trägt seit 1968 eine Straße in Osnabrück den Namen von Elfriede Scholz.

Die Patenschaft für den Stolperstein hat der Dresdner Historiker Dr. Swen Steinberg übernommen, der für Rückfragen zur Biografie von Elfriede Scholz und ihrer Familie zur Verfügung steht. Er ist ebenfalls Mitglied im Vorstand des Vereins Stolperstein für Dresden (Swen.Steinberg@tu-dresden.de / 0170-8008690)

Quellen für die von Swen Steinberg zusammengestellte Kurzbiografie:

Elisabeth Pick (Altenzeller Straße 26)

Elisabeth Pick, geborene Markus, wurde am 7. April 1871 in Mainz geboren.

Sie war verheiratet mit Kommerzienrat Franz Pick, der Mitinhaber der Malzfabrik Niedersedlitz AG war. Dieser verstarb bereits 1932. Elisabeth Pick hatte drei Kinder: Elisabeth, Ernst und Margarethe. Tochter Elisabeth lebte mit ihrem Mann und den fünf Kindern Wolfgang, Dietmar, Hildegard, Mechthild und Ernst in Berlin. Da die Eltern früh verstarben, waren die Enkelkinder Hildegard und Mechthild regelmäßig bei der Großmutter Elisabeth Pick. Sohn Ernst, der 1895 in Dresden geboren wurde, emigrierte mit seiner Familie nach England.

Elisabeth Pick musste in das sogenannte Judenhaus auf der Caspar-David-Friedrich-Straße 16b ziehen. Als sie den Deportationsbefehl für Theresienstadt erhielt, nahm sie sich am 27. Januar 1942 im Alter von 71 Jahren das Leben.

Quellen:

Else Auguste Seifert (Budapester Straße 69)

Else Auguste Seifert wurde am 6. September 1902 in Hamburg geboren. Sie war die Tochter des Kaufmannes Heinrich Erdmann Richard Seifert (gestorben im Januar 1939) und seiner Frau Auguste Wilhelmine Seifert (gestorben um 1950). Else hatte einen jüngeren Bruder, Kurt Richard Seifert, geboren im Februar 1904. Die Familie zog während Elses Kindheit nach Hannover, wo das Mädchen das Lyzeum besuchte. Im Anschluss, während ihres 17./18. Lebensjahres, war Else ein Jahr in "Haushaltspension", wahrscheinlich ebenfalls in Hannover. Danach absolvierte sie eine Ausbildung zur Kunst- und Werklehrerin, davon zwei Jahre in Berlin und ein Jahr an der Werklehrschule in Hildesheim. Die Eltern zogen in den 1920er Jahren nach Dresden. Die Tochter besuchte sie oft. Nach Ausbildungsende arbeitete die junge Frau als Vertretungslehrerin an verschiedenen Schulen in Norddeutschland, so in Hannover, Peine (1925/26) und Osnabrück. Ab April 1927 konnte sie eine feste Stelle als Zeichenlehrerin in Stettin (heute Polen) antreten. Ende 1928 wurde sie mit einer scheinbar psychischen Erkrankung auffällig und musste nach einem Besuch bei ihren Eltern in Dresden in die dortige Nervenheilanstalt eingeliefert werden. Dort wurde die Diagnose Schizophrenie gestellt. Laut Patientenakte habe Else Auguste Seifert nach der Rückkehr aus der Haushaltspension ein verändertes Wesen gezeigt, ihre Berufsausbildung und die Tätigkeit in den Schulen habe sie jedoch ohne Schwierigkeiten absolviert.

Nach einem einjährigen Aufenthalt im Sanatorium Kahlbaum in Görlitz (Februar 1929 bis Februar 1930) wurde Else Auguste Seifert in die Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf verlegt, wo sie später aufgrund des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses zwangssterilisiert wurde und den Rest ihres Lebens verbrachte. Die Eintragungen in der Patientenakte lassen vermuten, dass ihr Aufenthalt von Verlegungen, Fixierungen sowie teilweise isolierter Unterbringung geprägt war. Am 28. August 1940 wurde Else Auguste Seifert im Rahmen der Aktion T4 nach Pirna-Sonnenstein transportiert und dort am selben Tag vergast.

Seit dem 26. Oktober 2012 erinnert ein Stolperstein vor dem früheren Standort ihres Eltern-Wohnhauses auf der Budapester Straße 69 an sie. Paten des Steines sind die Familienangehörigen von Else Auguste Seifert.

(Autorin: Antje Fricke, Oktober 2012)

Quellen:

Dr. Arthur Oskar und Gertrud Helene Chitz, Hilda Margarete Bock, Dr. Herman Ernst Sheets (Helmholtzstraße 3b)

Arthur Oskar Chitz wurde am 5. September 1882 in Praha (Prag) in eine deutschsprachige jüdische Fabrikantenfamilie geboren. Bereits im Alter von zehn Jahren verlor er seine Eltern und wuchs fortan bei seinem Onkel mütterlicherseits auf. In Prag besuchte er eine katholische Klosterschule mit verstärktem Musikunterricht, wurde Kompositionsschüler und erhielt außerdem Klavier- und Geigenunterricht. An der Deutschen Universität in Prag, vorübergehend auch in Leipzig und Wien, studierte er naturwissenschaftliche Fächer, Philosophie und Musikgeschichte. 1905 wurde er mit der Arbeit "Die Hofmusikkapelle Kaiser Rudolfs II." zum Dr. phil. promoviert. Nach der Promotion war Arthur Chitz in Prag tätig, wo seine Kompositionen zum ersten Mal aufgeführt wurden. 1906 heiratete er Gertrud Helene Stern, die am 24. Mai 1884 ebenfalls in Prag geboren wurde. Sie war die Tochter des Chefredakteurs der "Bohemia" und wird als begabte Malerin, Schiftstellerin, Sängerin und Pianistin beschrieben.

Seit 1908 lebte die Familie in Dresden. Tochter Hildegard kam 1907 und ihre Bruder Herman Ernst 1908 zur Welt. Die Familie lebte 24 Jahre auf der Helmholtzstraße 3b. In Dresden nahm Arthur Oskar Chitz ein Studium der Chemie an der Technischen Hochschule auf, um später im Unternehmen seines Onkels arbeiten zu können und damit finanziell unabhängig zu sein. Er arbeitete als Dozent für Musiktheorie und Musikgeschichte und als Korrepetitor an der Dresdner Hofoper. In den Jahren 1915 bis 1933 gehörte er zu den aktivsten Pianisten und Cembalisten im ganzen sächsischen Raum sowie in Berlin, Prag, Budapest und Breslau. Darüber hinaus war er 1918 bis 1933 als Kapellmeister und Musikdirektor am Dresdner Schauspielhaus angestellt, später wurde er Mitglied von dessen Künstlerischem Beirat.

1915 wurde Chitz in die Österreichische Armee einberufen und erhielt im selben Jahr das Sächsische Verdienstkreuz. Am 1. Januar 1934 wurde er unter Berufung auf das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" aus dem Theaterdienst entlassen, zwangsweise in den Ruhestand geschickt und ab 1936 auch aus der "Reichsfachschaft Komponisten der Reichsmusikkammer" ausgeschlossen. Weil Chitz evangelisch getauft war, blieb ihm auch das Musikleben im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes versperrt. Im Zuge der Verhaftungen nach der "Reichskristallnacht" 1938 wurde er vorübergehend im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. 1940 musste das Ehepaar Chitz in das Dresdner "Altersjudenhaus" am Lothringer Weg 2 ziehen, wo zu ihren Nachbarn auch Victor Klemperer gehörte.?In der Nacht vom 20. zum 21. Januar 1942 wurde Arthur Chitz mit seiner Frau vom Bahnhof Dresden-Neustadt aus nach Skirotava bei Riga deportiert, wo er beim Eisenbahnbau arbeiten musste. Die genauen Todesumstände sind nicht bekannt, vermutlich starb er 1944 im Konzentrationslager Riga-Kaiserwald. Herman Ernst berichtet über seine Mutter Gertrud Helene Chitz, dass sie vermutlich auf dem Fußmarsch nach Dresden verstarb, nachdem sie auf einem Schiff von Riga nach Stettin gelangt war. Andere Quellen gehen davon aus, dass sie im Konzentrationslager Riga-Kaiserwald im November 1943 ums Leben kam.

Alle Versuche der beiden Kinder, ihrer Eltern in Sicherheit zu bringen, schlugen fehl. Tochter Hildegard floh 1939 über Frankreich und China (Shanghai) in die USA und Herman Ernst konnte über die Tschechoslowakei ebenfalls in die USA fliehen. Dr. Herman Ernst Sheets, wie er sich seit 1939 nannte, verstarb 2006. Seine Schwester Hilda Margarete Bock verstarb 1984.

Die Patenschaft für die Stolpersteine der Familie Chitz / Sheets übernahmen Familie Schindler, Dr. Matthias Rößler sowie die Angehörigen. Die Verlegung der Stolpersteine findet in Anwesenheit der aus den USA angereisten Familienangehörigen statt.

Quellen:

Thea, Klaus Peter, Gabriele Ruth, Wolfgang Dietrich und Denny Liebermann (Mosczinskystraße 14)

Thea Fantl, geborene Katz, wurde am 1. Oktober 1908 oder 1910 im oberschlesischen Beuthen (Bytom) geboren.

Sie heiratete 1928 Emil Liebermann. Das Paar zog gemeinsam mit dem ersten Sohn Klaus Peter, der am 25. August 1932 in Breslau (Wroclaw) geboren wurde, nach Dresden. Dort arbeitete ihr Mann als selbstständiger Handelsvertreter. Die Liebermanns bekamen in Dresden drei weitere Kinder: Gabriele Ruth (02. Juni 1934), Wolfgang Dietrich (30. Juni 1937) und Denny (30. September 1939).

Emil Liebermann wurde nach der Pogromnacht 1938 verhaftet und schwer misshandelt. Auf Initiative seiner Frau erhielt er Papiere zur Auswanderung. Im August 1939 emigrierte er nach Großbritannien und hoffte, seine Familie bald nachholen zu können. Der Beginn des Krieges verhinderte die Zusammenführung. Im November 1942 wurde Thea Liebermann mit Sohn Klaus Peter in das "Judenlager Hellerberg" deportiert, im März darauf nach Auschwitz. Mutter und Sohn kamen dort ums Leben.

Die drei jüngeren Kinder der Liebermanns kamen wahrscheinlich zu den Großeltern nach Breslau. Beide Großeltern wurden jedoch Ende August 1942 nach Theresienstadt und schließlich nach Treblinka deportiert. Über das weitere Schicksal der drei Geschwister ist nichts bekannt.

Quellen:

Erich und Toni Schapira (Bernhardstraße 37)

Erich Salomon Schapira wurde am 2. Juli 1883 in Hannover geboren. Seine Frau Toni, geborene Hoffmann, kam am 27. August 1886 in Essen zur Welt. Im Februar 1912 wurde er von seiner Firma nach Dresden geschickt. Bis zu seiner Zwangsentlassung durch die Nationalsozialisten war Erich Schapira Direktor der privaten Telefongesellschaft PRITEC des Fuldkonzerns. Im Anschluss arbeitete er als Teilhaber der Firma Martin Eichelgrün & Co., einer Feldbahnfabrik. In Dresden sind mehrere Wohnsitze bekannt. Im Januar 1929 wurde Erich Schapira Vorsitzender der ORT-Gesellschaft (Ortsgruppe Dresden), die sich um die Organisation von Arbeitsstellen für die jüdische Bevölkerung bemühte. Ab 1930 war er Vorsitzender der Mittelstandsküchen der Dresdner jüdischen Gemeinde und ab 1934 engagierte er sich als Vorsteher derselben. Außerdem war Erich Schapira Mitglied der Fraternitatisloge.

Erich und Toni Schapira heirateten am 10. Mai 1910 und 1935 wurde den beiden im Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zur Silberhochzeit gratuliert. Das Paar hatte zwei Kinder, Ingeborg und Hans, die Deutschland rechtzeitig verlassen konnten. Hans ging 1938 in die USA und Ingeborg, verheiratete Beck, emigrierte nach ihrer Hochzeit 1935 nach Frankreich.

1939 erkrankte die Tochter lebensbedrohlich. Toni Schapira erhielt die Erlaubnis die Tochter zu besuchen mit der Androhung der Verhaftung ihres Mannes, wenn sie nicht zurückkehren würde. Toni Schapira wurde am 1. Mai 1942 in den Freitod getrieben. Erich Schapira schrieb seiner Tochter am 5. Juli 1942 letztmalig. In diesem Brief beklagte er die Entbehrungen, die er im "Judenhaus" auf der Fürstenstraße 2 erdulden musste sowie die zehnstündige Zwangsarbeit. Erich Schapira wurde am 13. Juli 1942 vermutlich nach Warschau deportiert und von dort aus nach Auschwitz-Birkenau. Er hat die Shoa nicht überlebt. Die Tochter Ingeborg Elisabeth konnte ihre beiden Kinder und sich unter großen Entbehrungen in Frankreich verstecken. Die Verlegung der Stolpersteine fand in Anwesenheit der Enkelin von Erich und Toni Schapira statt.

Eine Dresdner Familie spendete die Stolpersteine für Erich und Toni Schapira im Jahr 2012.

Quellen:

Simon und Gertrud Silbermann (Winckelmannstraße 3)

Simon Silbermann wurde am 18. März 1891 in Lódz geboren. Seine Frau Gertrud Silbermann, geborene Fleischmann, kam am 16. April 1895 in Dresden zur Welt. Simon Silbermann hatte noch in Lódz die Handelshochschule abgeschlossen und war seit 1919 in Sachsen als Kaufmann tätig. Die Familie von Gertrud Silbermann lebte in Chemnitz. Nach der Heirat mit Simon Silbermann kehrte Gertrud Silbermann nach Dresden zurück. Am 1. September 1919 wurden die Söhne Harry und Siegbert geboren, die 1932 ihre Bar Mizwah feierten. Zwei Jahre später flüchteten die Zwillingsbrüder mit einer jüdischen Organisation (Alija), die Kinder und Jugendliche in Sicherheit brachten, nach Palästina.

Die Eltern wurden im November 1942 in das "Judenlager Hellerberg" deportiert, wo Gertrud Silbermann in der Rüstungsindustrie Zwangsarbeit für die Zeiss Ikon AG leisten musste. Im März 1943 wurden die Lagerinsassen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo Gertrud Silbermann von 47 Jahren und Simon Silbermann im Alter von 51 Jahren, vermutlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden.

Kathrin Krahl und Heike Ehrlich, die mit der Familie in Israel in Kontakt stehen, übernahmen die Patenschaft für die Stolpersteine der Familie Silbermann. Weiterhin spendete Berit Schöfski für die Stolpersteine der Familie.

Quellen:

Gertrud Hille (Uhlandstraße 34)

Am 12. Dezember 1899 wurde Marie Gertrud Hille als eines von zehn Kindern in Coschütz, Sachsen, geboren. Nach der Volksschule fand Gertrud Hille verschiedene Anstellungen als Haushaltsgehilfin. Mit 18 Jahren wurde sie von ihren Eltern in die Sächsische Heil- und Pflegeanstalt, das Krankenhaus Löbtau, gebracht. Dort sollte ihr als sehr zurückgezogen beschriebenes Verhalten näher untersucht und behandelt werden. 1917 wurde die Diagnose "Schizophrenie" und "Jugendirresein" gestellt. Ein Jahr später, im Jahre 1918, wurde sie in die Sächsische "Landesanstalt" Arnsdorf verlegt. Nach wenigen Monaten wurde sie auf Wunsch der schwerkranken Mutter wieder nach Hause entlassen. Fortan half sie der Mutter im Haushalt und arbeitete in der Nähmaschinenfabrik Seiler & Naumann in Dresden. 1927 brachte Gertrud Hille eine Tochter zur Welt. Da sie sich erneut in sich zurück zog, auch oft scheinbar grundlos weinte und apathisches Verhalten zeigte, wurde sie im November 1927 zum zweiten Mal nach Arnsdorf gebracht. Ihre Tochter wurde fortan von den Großeltern und Tanten groß gezogen.

Am 21. März 1940 wurde Gertrud Hille erneut verlegt. Diesmal in die "Heil- und Pflegeanstalt" Hochweitzschen. Auch dort blieb sie nicht lange. Am 26. Februar 1941 wurde sie in die "Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz" verlegt. Die Einrichtung gehörte zu den sogenannten "Zwischenanstalten" in Sachsen. Zwei Monate nach der Verlegung, am 25. März 1941, wurde Gertrud Hille nach Pirna-Sonnenstein gebracht.

Aus einem an die Eltern datierten Schreiben geht hervor, dass Gertrud Hille am 02. April 1941 in die "Landesanstalt Hartheim", heute in Österreich, transportiert worden sei. Kurz darauf, genau eine Woche später, erhalten die Eltern ein weiteres Schreiben: Gertrud Hille sei an einer Lungenentzündung am 09. April 1941 in Hartheim verstorben. Erst 2005 erfuhr die Tochter Gertrud Hilles, dass ihre Mutter bereits am 25. März 1941 auf dem Sonnenstein oberhalb von Pirna ermordet wurde.

(Autorin: Sabine Hanke, August 2012)

Die Tochter von Frau Hille spendete diesen Stolperstein für ihre Mutter 2012.

Quellen:

Herbert Samuel (Regensburger Straße 15)

Herbert Samuel wurde am 12. Mai 1894 in Pommern-Stolp geboren. Seine Frau Ellen, geborene Nussbaum, wurde am 2. September 1901 in Halle geboren.

Herbert Samuel kam etwa 1920 nach Dresden und arbeitete als Getreide- und Futtermittel-Kaufmann; sein Büro befand sich auf der der Reichsstraße 15. 1925 heirateten Herbert Samuel und Ellen Nussbaum. Ellen Samuel war Kinderpädagogin und bot in ihrem Fach auch Weiterbildungen an. Sohn Ralph Artur wurde am 12. August 1931 geboren und konnte mit einem der sogenannten Kindertransporte nach England fliehen. Seine Mutter folgte im Jahr 1939. Herbert Samuel musste in eines der sogenannten Dresdner Judenhäuser auf die Röhrhofgasse 16 ziehen. Im November 1942 wurde er in das "Judenlager Hellerberg" deportiert und von dort aus am 2. und 3. März 1943 nach Auschwitz-Birkenau, wo er kurz nach Ankunft im Alter von 48 Jahren ermordet wurde.

Dirk Wieghardt spendete für die Stolpersteine für Herbert Samuel und Selma Nussbaum. Er lernte Ralph Samuel, Herberts Sohn und Selma Nussbaums Enkel persönlich kennen.

Quellen:

Julie Salinger (Bayreuther Straße 14)

Julie Salinger, geborene Braun, wurde am 31. Juli 1863 im ostpreußischen Ortelsburg (Polnisch Szczytno) geboren.

Ihr Ehemann Julius Israel Salinger, der bereits 1921 verstarb, war Mitinhaber einer Schuhwarenfabrik. 1887 wurde Sohn Paul geboren, der später Rechtsanwalt wurde. Familie Salinger kam vermutlich 1898 nach Dresden, wo sie aktive Mitglieder der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden wurden. Julius Salinger war Gemeinderatsmitglied und Paul Salinger war zwischen 1925 und 1932 geschäftsführender Vorsteher der Gemeinde. Julie Salinger gehörte inner- und außerhalb der Israelitischen Religionsgemeinde zu den Gründerinnen mehrerer sozialer Frauenvereine, so beispielsweise des 1902 gegründeten Schwesternbundes der Fraternitatisloge. Außerdem gab sie Anregungen zum Aufbau eines Gemeinde-Kinderhorts und war viele Jahre Leiterin des Dresdner Rechtsschutzvereins für Frauen.

Zu den Wahlen im Februar 1919 kandidierte sie erfolgreich auf der Liste der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) für den Sächsischen Landtag und gehörte damit zu jenen drei Frauen, die erstmals einem Landesparlament in Sachsen angehörten. Das Hauptaugenmerk ihrer parlamentarischen Arbeit galt der sozialen und gesellschaftlichen Gleichstellung der Frauen. Daneben beschäftigte sie sich mit Fragen des Bildungs- und Gesundheitswesens. In ihrer Funktion als Landtagsabgeordnete setzte sie sich außerdem für die Sicherung eines Existenzminimums ein, für eine verbesserte Ausbildung von Frauen und Mädchen sowie für Unterstützungssätze für Erwerbslose und gleiche Rentenvergütung. Sie forderte mehrmals die Anhörung von sachkundigen Frauen und bat stets innerparteiliche Meinungsverschiedenheiten so lange zurückzustellen, bis die dringendsten sozialen Probleme geklärt sein würden.

Julie Salinger war auch außerparlamentarisch aktiv. Bis Ende der 1920er Jahre gehörte sie beispielsweise dem Landesverband sächsischer Frauenvereine an. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten blieb sie in Dresden, Hinweise auf Auswanderungsabsichten gibt es nicht. Ab 1940 musste sie mit ihrer ebenfalls verwitweten Schwester in das "Judenhaus" auf der Bautzner Straße 20 ziehen. Mit dem Transport V/5 wurde sie am 25. August 1942, bereits 79-jährig gemeinsam mit ihrer Schwester nach Theresienstadt deportiert, wo sie kurz darauf am 16. September 1942 ums Leben kam.

Ihr Enkel Wolfgang J. Salinger verstarb 2009 in San Francisco im Alter von 92 Jahren. Er lebte über 40 Jahre in Argentinien, bevor er in die USA ging, wo seine Familie noch immer lebt.

Die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen Dresden spendete diesen Stolperstein 2012.

Quellen: